„Atmende Wände“ - und
kein Ende
Unter der Überschrift „Populäre Vorurteile Folge 1: „Atmende
Wände““ erschien im Dezember 2006 ein Artikel des GdW [1]. Darin wird der
Zustand bedauert, dass sich „im Bewusstsein von Bauherren und Architekten
auch vermeintliche Tatsachen festgesetzt“ hätten, die praktisch längst
widerlegt seien.
Drei Viertel des Artikels behandeln eine angebliche Historie, die auf eine
Meinung des deutschen Wissenschaftlers Max Pettenkofer aus dem 19.
Jahrhundert zurückzuführen sein soll. Ein ungeeigneter Versuchsaufbau und
später die Verbreitung im Kneipp-Kalender sollen dafür gesorgt haben, dass
sich ein fundamentaler Irrtum bis heute gehalten haben soll.
Nicht nur in Fachkreisen ist bekannt, dass gewisse Kreise die Mär von den
atmenden Wänden immer wieder gern sinnentstellend bzw. sinnentstellt
verwenden, um Fachleute verächtlich zu machen, die immer wieder - aus
ihrem Verantwortung gegenüber Bauherren und Bewohnern heraus – betonen,
dass die Wände durchaus atmen können müssen.
Dass damit eine Atmung wie beim Menschen oder der Effekt des
Luftaustauschs bzw. des Feuchteabtransportes beim Lüften mit weit
aufgerissenen oder nur angekippten Fenstern gemeint ist, ist eine
konstruierte Unterstellung. Gemeint sind damit die Sorptionsvorgänge an
und in (also auch durch) monolithische Massivwände, die das Gros im
Gebäudebestand darstellen.
Das eigentliche Problem ist, dass selbst Leuten vom Fach der Begriff
Sorption entweder gänzlich unbekannt ist oder er verwendet wird, ohne dass
der komplexe Inhalt bekannt ist. Ähnliches ist in dem Artikel
festzustellen: hier werden die Sorptionsvorgänge auf den Vorgang der „Feuchtepufferung“
reduziert.
Hierbei geht es lediglich um die Anlagerung, Zwischenspeicherung und
Abgabe von Feuchte aus und in der Luft im Oberflächenbereich der
Außenwandinnenseite. Es ist natürlich nicht falsch, diesen Vorgang in die
Betrachtungen einzubeziehen, jedoch ist es fachlich nicht richtig, die Sorption hierauf zu reduzieren.
Letztendlich geht es um WDVS* an Mauerwerkswänden. „Eine äußere
Wärmedämmung halbiert zwar den Feuchtetransport durch die Wand, ändert
aber nichts daran, dass die Feuchte durch Lüftung abtransportiert werden
muss.“ Es geht demnach um die inneren 1 bis 1,5 cm des Wandaufbaus.
„Darunter liegende diffusionsdichte Schichten verändern die Raumfeuchte
nicht.“
Diese Behauptung hält einer fachlichen Prüfung nicht Stand. Es wird
suggeriert, dass eine diffusionsdichte Schicht außen, wie eben ein WDVS
für die Sorptionsvorgänge der Mauerwerkswand unbedenklich sei. Der Stand
der Wissenschaft und der Technik sowie die Erfahrungen aus der Praxis
zeichnen uns ein ganz anderes Bild.
Zurück zum Luftaustausch: Cammerer, der in „Der Luftaustausch durch Wände,
Fenster und Türen“ [2] auf Pettenkofers bekannten Versuch, der durch einen
Ziegelstein hindurch ein Licht ausblies, erwähnt, behandelt das Thema
sachlich und hinterlegt, jedoch nicht vordergründig. Sein Buch erschien vor 70 Jahren.
In Zahlentafel 38 gibt Cammerer für eine beiderseits verputzte Ziegelmauer
von 40 cm Stärke ein Luftdurchgang in Höhe von 0,28 m3/m2h bei einer
Druckdifferenz von 1 mm WS an, für 6,5 cm starkes Ziegelsteinmaterial
hingegen nur 0,0043 m3/m2h.
Hieraus und aus weiteren gemessenen Werten lassen sich folgende
grundsätzliche Folgerungen ziehen:
-
der Luftwiderstand
eines Mauerwerkes ist nicht durch das Steinmaterial bedingt, sondern
allein durch den Putz
-
der Zusatz von Zement
und jeder Anstrich verringert den Luftdurchgang erheblich
-
der Luftaustausch durch
die Außenflächen eines Hauses erfolgt so gut wie ausschließlich durch
Fenster und Türen
-
die Luftdurchlässigkeit
eines Fensters hängt vom genauen Passen der Falze ab
Dies ist selbst für den Laien ohne weiteres nachvollziehbar,
so dass man an dieser Stelle das Kapitel „Luftdurchgang durch die
Außenwand“ abschließen kann.
Aufgrund seiner umfangreichen Messversuche - von denen die meisten statt
im Labor in der Praxis erfolgten; heute ist es umgekehrt – kam Cammerer
aber auch zu der Erkenntnis, dass die Feuchte in Baustoffen ein ernst zu
nehmender Faktor ist [3] [4]. Allerdings hatte er sich damals noch nicht
mit den Problemen herumzuschlagen, die ein Vierteljahrhundert später die
WDVS in der Praxis bescherten.
Wenn man von Sorption redet, muss man zwischen Adsorption, Absorption und
Desorption unterscheiden. Hinsichtlich des Feuchtetransportes
unterscheidet man zwischen Diffusion und Kapillarleitung, wobei das eine
das andere nicht ausschließt. [5] Selten ist nur eine Form des
feuchtegekoppelten Wärmetransportes anzutreffen, zudem gibt es beständige
Übergänge von gasförmig zu flüssig und umgekehrt.
Dass die Problematik nicht nur in Fachkreisen auf ungebremstes Interesse
stößt, lässt sich auch daran erkennen, dass der Fachartikel „Sorption“ [5]
allein im November 2006 über 800 Mal herunter geladen wurde. [A] Dies
trifft auch für andere themenbezogene und verwandte Fachartikel zu. [E]
Angesichts der Tatsache, dass Feuchtetransporte stets mit
Energietransporten gekoppelt sind, dass der Wert der Wärmeleitfähigkeit
stark vom Feuchtgehalt beeinflusst wird und dass der Faktor Feuchte nicht
zuletzt angesichts ungelöster Probleme am Bau immer mehr an Aufmerksamkeit
gewinnt, gewinnt die Betrachtung des hygrischen Verhaltens der Baustoffe
an Bedeutung.
Mit einigen wenigen Werten und Gleichnissen scheint es jedoch nicht getan
zu sein, wenn man bedenkt, dass Diffusions- und kapillare Leitungsvorgänge
gleichzeitig gegengerichtet ablaufen können, was sogar partiell zu
Kreislaufsituationen führen kann. [6]
Ein auf Mauerwerkswände aufgebrachtes WDVS widerspricht der allgemein
anerkannten Regel der Bautechnik „von innen nach außen offener“ zu bauen,
wie der textarme aber gut mit Zahlen hinterlegte Artikel „WDVS auf
Mauerwerkswänden - von innen nach außen dichter“ belegt. [B]
Styropor und Mineralwolle sind keine sorptionsfähigen Baustoffe, sie
besitzen keine Kapillarität und sie lassen lediglich Diffusionsvorgänge
zu. In der Folge ist die Praxis feuchter als die trockene Theorie, wie
auch die 1972 von F. Eichler veröffentlichten Messwerte belegen [7]

Bild 2: Zunahme der Diffusionsdichte der Wand durch
Polystyrol [B]
Tauwasserbildung an der Grenzfläche zwischen WDVS und
Mauerwerk tritt häufig auf, so dass gedämmtes Mauerwerk oft deutlich
feuchter ist als ungedämmtes. [B] Dass es nach Glaser genügt, dass die
Verdunstungsmenge größer ist als die Tauwassermenge, ist oftmals leider
nur eine theoretische Lösung. [5]
Wird das Wasser in seinem sorptiven Durchgang durch die Wand behindert,
führt dieser Zustand zu Problemen mit der Feuchte, die Wand, die nicht
mehr atmet, wird krank.
“Breathability is a key to understanding not only building performance,
but how we should design, build and renovate our buildings from now on.”
Neil May, 16.04.2005, „Breatheability in Buildings – die
atmende Außenwand“. [A]
Das ist auch schon alles.
Atmen im Sinne von Luftdurchlässigkeit können und müssen Wände nicht,
Atmen im Sinne von Feuchtetransport müssen Wände ungehindert können.

Feuchtegehalt und Dämmwirkung beim Ziegel [B]
Literatur:
[1] Vogler, Ingrid: „Populäre Vorurteile Folge 1: „Atmende Wände““, GdW
Gesamtverband deutscher Wohnungsunternehmen e.V., Berlin, 2006, in:
Zeitschrift des Berliner ImpulsE Programms „Energie-Impulse“, Ausgabe
4.06, Seite 7
[2] Cammerer, J.S. Dr.-Ing. habil:: „Die konstruktiven Grundlagen des Wärme-
und Kälteschutzes im Wohn- und Industriebau“, Verlag von Julius Springer,
Berlin, 1936
[3]
Cammerer, I.S. Dr.-Ing. habil:: „Tabellarium aller wichtigen
Größen für Wärme-, Kälte- und Schallschutz“, Rheinhold & Co. GmbH, Berlin,
1936
[4] Cammerer, J.S. Dr.-Ing. habil:: „Der Wärme- und Kälteschutz in der
Industrie“, Verlag von Julius Springer, Berlin, 1928
[5] dib:
„Sorption. Eine Betrachtung zum Thema „Feuchte im Bauteil Außenwand“ SICC
GmbH, Berlin, Arbeitsexemplar, Stand: 27.04.2005
[6] dib:
„Rechnen mit hygrischen Größen. 2.1 Wassergehalt, Wasseraufnahme und -abgabe“,
SICC GmbH, Berlin, Arbeitsexemplar, Stand: 24.10.2005
[7] dimagb: „Kapillarität. geometrisch-analytische Überlegungen zur
Modellbildung“, DIMaGB, Berlin, Arbeitsstand 22.07.2005
*
Wärme-Dämm-Verbund-System
Informationen im
Internet:
[A]
http://www.richtigbauen.de - Informationen für Bauherren
[B]
http://www.richtigsanieren.de - Informationen für Bauherren
[C]
http://www.dimagb.de - Informationen für Bauherren
[D]
http://www.schimmelpilz-sanieren.de - Informationen für Bauherren
[E]
Zahlreiche Fachartikel kostenlos im
:: Download dieser Domains.
Dipl.-Ing. M. Bumann
DIMaGB, Berlin
16.12.2006
Links
:: Atmen der Wände, die atmende Wand
bei richtigbauen.de
::
Sorption
(Fachartikel, 04.2005)
bei richtigbauen.de
:: WDVS auf Mauerwerkswänden - von innen nach
außen dichter
:: Wärmedämmung bei Altbauten
:: Feuchtegehalt und Dämmwirkung beim Ziegel
:: Download
Vertiefende Informationen
::
Bautechnik, Bautechnologie, Bauphysik
bei richtigsanieren.de
:: Wärmedämmung, Wärmeisolierung, Wärmedämmverbundsysteme, WDVS
Vollwärmeschutz, Thermohaut, Außendämmung, Fassadendämmung
bei richtigsanieren.de
::
Bauphysik, Physikalische Grundlagen und Phänomene
bei richtigbauen.de
::
Wärmedämmung, Wärmeisolierung, Wärmedämmverbundsysteme, WDVS
Vollwärmeschutz, Thermohaut, Außendämmung, Fassadendämmung
bei richtigbauen.de
Eine kleine Ergänzung:
Das Problem der "atmenden Wände", insbesondere das, dass sie eben nicht
mehr richtig atmen, wenn man bestimmte Systeme oder Beschichtungen
aufbringt, scheint bestimmte interessierte Kreise über die Maßen zu
beschäftigen. Argumentativ muss dabei aber, wie so oft, Polemik
herhalten. So gab in einem Fachvortrag anlässlich der Kölner Messe FARBE
2007 jemand zum besten: "ich habe als Gutachter viele Wände geöffnet und
untersucht - glauben Sie mir, eine Lunge habe ich noch nie gefunden in der
Wand."
Kommentar: ach, wie originell. Ich habe auch noch keine Organe in
irgendwelchen Bauteilen gefunden, bleibe aber bei meiner im obigen Beitrag
dargestellten Meinung.
Dipl.-Ing. M. Bumann
DIMaGB, Berlin
23.04.2007
nach oben